Getty Images hat am 21. Oktober 2026 in den USA Insolvenz angemeldet, und auf Instagram und LinkedIn liest man seitdem oft denselben Satz: Die KI hat den Bildriesen pleitegemacht. Das ist die perfekte Geschichte für unsere Zeit. Wer in die Unterlagen schaut, die Getty bei der US-Börsenaufsicht eingereicht hat, findet allerdings eine andere. Die Getty Images Insolvenz ist vor allem eine Geschichte über Schulden, Klagen und einen geplatzten Deal. Die KI spielt trotzdem eine Rolle, nur an einer Stelle, die für dein eigenes Marketing viel spannender ist.
Was ist bei Getty Images passiert?
Getty, eine der größten Bildagenturen der Welt, hat für die Muttergesellschaft und sechs US-Töchter ein Verfahren nach Chapter 11 eröffnet. Das ist das amerikanische Verfahren für Sanierungen, nicht für die Abwicklung. Die Eckpunkte stehen in Gettys Mitteilung an die US-Börsenaufsicht vom 12. Oktober:
- Die Gründerfamilie Getty und Koch Equity Development, die Investmentsparte des US-Konzerns Koch, stecken bis zu 533 Millionen Dollar frisches Kapital in das Unternehmen und übernehmen es komplett.
- Anleihen über 270 Millionen Dollar werden abgelöst, die Gläubiger bekommen dafür knapp zwei Drittel ihres Geldes zurück. Andere Kreditgeber senken die Zinsen und geben mehr Zeit.
- Die bisherigen Aktionäre gehen leer aus. Ende September war eine Aktie noch 12 Cent wert, die New Yorker Börse setzte den Handel aus, wie das Fachportal PPC Land berichtete.
- Das Geschäft läuft weiter, Kunden, Fotografen und Mitarbeitende sollen davon nichts merken. Bis Jahresende will Getty das Verfahren abschließen und danach als privates Unternehmen ohne Börsennotierung weitermachen.
Insgesamt stand Getty mit rund 1,46 Milliarden Dollar aus Krediten und Anleihen in der Kreide. Diese Zahl aus dem viralen Post stimmt also. Die Begründung dazu stimmt nur zum Teil.
Warum ist Getty wirklich in die Insolvenz gegangen?
Getty nennt die Gründe selbst, schwarz auf weiß. Im Getty-Quartalsbericht vom August 2026 erklärt das Unternehmen, warum es Zweifel gibt, ob es das nächste Jahr übersteht. Dort stehen genau drei Ursachen:
- Ein Rechtsstreit mit Investoren. Geldgeber aus dem Börsengang 2022 wollten ihre Optionsscheine in Aktien tauschen, Getty lehnte ab. Die Gerichte gaben den Investoren recht. Allein im zweiten Quartal 2026 zahlte Getty 110,9 Millionen Dollar Urteilssumme samt Zinsen, für weitere Verfahren lagen 99,5 Millionen Dollar zurück.
- Die geplatzte Fusion mit Shutterstock. Angekündigt im Januar 2025, zusammen rund 3,7 Milliarden Dollar wert. Die britische Wettbewerbsbehörde CMA wollte nur zustimmen, wenn Shutterstock sein Geschäft mit Pressebildern verkauft. Getty sagte die Fusion daraufhin am 7. Juli 2026 ab, so steht es auch in der Mitteilung der CMA. Bis dahin hatte sie bereits rund 60 Millionen Dollar für Anwälte, Wirtschaftsprüfer und andere direkte Kosten verschlungen.
- Die Zinslast. Im ersten Halbjahr 2026 zahlte Getty 111,5 Millionen Dollar Zinsen, ein Jahr zuvor waren es 69,2 Millionen. Ein Teil davon ging auf Kredite, die schon für die Fusion aufgenommen worden waren.

Von KI steht in dieser Liste kein Wort. Und das Tagesgeschäft lief: Im ersten Halbjahr 2026 machte Getty 455,7 Millionen Dollar Umsatz, kaum weniger als im Vorjahr mit 459,0 Millionen, und erzielte 63,9 Millionen Dollar Betriebsgewinn. Getty ist nicht daran gescheitert, dass niemand mehr Bilder kauft. Getty ist an seiner Bilanz gescheitert.
Wo trifft die KI Getty Images wirklich?
Ganz rausrechnen sollte man die KI trotzdem nicht. Sie wirkt langsamer, aber sie wirkt. Im selben Bericht stehen diese Zahlen, jeweils im Vergleich zum Vorjahr:
- Die Zahl der Jahresabonnenten fiel von 321.000 auf 240.000, ein Minus von 25 Prozent.
- Die Zahl der zahlenden Kunden sank von 707.000 auf 636.000.
- Der Umsatz mit klassischen Stockbildern schrumpfte im Halbjahr um 3,6 Prozent.
- Der Umsatz mit Presse-, Sport- und Eventfotos wuchs dagegen um 10,1 Prozent, auch dank der Fußball-WM.

Getty-Chef Craig Peters hat im August vor Analysten selbst gesagt, wo es wehtut. Bei den günstigen Stockbildern treffe die generative KI vor allem preissensible Kunden, denen Qualität gleichgültig ist. So steht es im Transkript der Getty-Analystenkonferenz. Also genau die Leute, die früher für ein paar Euro ein Foto bei iStock gekauft haben, um einen Blogartikel zu bebildern. Die machen sich ihr Motiv heute selbst, in Sekunden. Wie das geht, zeigt unsere Anleitung zum KI-Bilder-Erstellen.
Dazu kommt ein zweiter Effekt, über den kaum jemand spricht. Laut Peters kommen weniger Besucher über Suchmaschinen zu iStock, weil Google und Co. Fragen inzwischen direkt mit KI-Antworten beantworten. Weniger Klicks heißt weniger Neukunden. Das betrifft nicht nur Bildagenturen, sondern jede Website, die von Google lebt.
Die Grenze ist damit klar: Ein Symbolbild von einem Team am Laptop kann jede KI. Das Foto vom WM-Finale, vom Staatsbesuch oder von der Filmpremiere kann sie nicht. Für echte Ereignisse braucht es weiter einen Menschen mit Kamera vor Ort, und genau dieses Geschäft wächst bei Getty.
Was steckt hinter dem Siegel „Ohne KI“?
Auf jeder Bildseite von Getty Images steht inzwischen ein Abzeichen: „Ohne KI“, auf der englischen Seite „Non-AI“. In den Getty-Richtlinien für KI-freies Bildmaterial schließt das Unternehmen generierte Bilder für seine Kollektionen aus. Erlaubt sind nur kleine KI-gestützte Retuschen, die nichts Neues ins Bild bringen. Gleichzeitig bietet Getty selbst einen KI-Bildgenerator an, der nur mit lizenzierten Getty-Inhalten trainiert wurde, und lizenziert Bilder an KI-Firmen.
Ein Widerspruch? Ich finde nicht. Es ist die logische Positionierung für einen Anbieter, dessen Ware plötzlich jeder selbst herstellen kann. Wenn Bilder unbegrenzt verfügbar sind, wird Echtheit zum Produkt. Getty stützt das mit seiner eigenen Studie VisualGPS von Getty Images: 78 Prozent der Befragten weltweit halten ein KI-Bild schon wegen seiner Herkunft nicht für authentisch. Die Zahl kommt von Getty selbst und ist entsprechend mit Vorsicht zu lesen. Die Richtung halte ich trotzdem für richtig.
Vor Gericht kam Getty mit seinem Kampf gegen die KI-Anbieter übrigens kaum voran. Im November 2025 scheiterte Getty vor dem High Court in London mit seiner Urheberrechtsklage gegen Stability AI, den Anbieter von Stable Diffusion. Recht bekam Getty nur in wenigen Fällen, in denen ältere Modellversionen Bilder mit nachgebildetem Getty-Wasserzeichen erzeugt hatten. Eine gute Zusammenfassung des Urteils hat die Kanzlei Mayer Brown veröffentlicht.
Was bedeutet die Getty Images Insolvenz für dein Marketing?
Drei Dinge nehme ich daraus mit:
- Generische Stockfotos lohnen sich kaum noch. Symbolbilder für Blog, Newsletter oder Präsentation erstellst du heute schneller und passender mit KI. Achte dabei auf Nutzungsrechte und Kennzeichnung, alles Wichtige dazu steht in unserem Praxisguide mit Rechtslage.
- Echte Bilder werden wertvoller. Dein Team, deine Kunden, dein Laden, dein Event: Das kann keine KI glaubwürdig ersetzen. In einem Feed voller generierter Bilder fällt genau das auf. Ein halber Tag mit einer guten Fotografin bringt dir Material für Monate.
- Rechne mit weniger Klicks aus Google. Was iStock gerade erlebt, trifft jede Website. Wenn die Suchmaschine die Antwort selbst gibt, klicken weniger Menschen weiter. Bau dir deshalb Kanäle auf, die dir gehören: Newsletter, Social Media, Community.
Meine Einschätzung zum Schluss: Die KI hat Getty nicht pleitegemacht. Aber sie bremst genau das Wachstum, das Getty gebraucht hätte, um seine Schulden zu tragen. Für dich heißt das: Nicht jedes Bild muss teuer sein. Die Bilder, die zeigen, wer du wirklich bist, sind dafür mehr wert als je zuvor.
Im ChatGPT-Workshop arbeitet dein Team an euren echten Aufgaben und nimmt Befehle und Werkzeuge mit, die ihr direkt im Alltag einsetzt. Ohne technisches Vorwissen, bei euch, bei uns in München oder online.
Workshop ansehenÜber 7.000 Entscheider lesen mit: die relevanten KI-Entwicklungen der Woche, vorsortiert und eingeordnet von Alex Khan.
Einmal wöchentlich · jederzeit abmeldbar · Anmeldung mit Bestätigungs-Mail (Double Opt-in), Details in der Datenschutzerklärung.
Häufige Fragen
Gelten meine Lizenzen von Getty Images und iStock weiter?
Ja. Getty führt das Geschäft während des Verfahrens normal weiter, und laut den Unterlagen zum Verfahren werden die bestehenden Lizenzverträge übernommen. Bilder, die du lizenziert hast, darfst du also weiter so nutzen wie vereinbart. Bei Fragen zu einem konkreten Vertrag hilft dir im Zweifel deine Rechtsberatung.
Ist Getty Images jetzt pleite und verschwindet?
Nein. Chapter 11 ist ein Sanierungsverfahren: Getty wird entschuldet, bekommt neue Eigentümer und soll bis Ende 2026 als privates Unternehmen weitermachen, ohne Börsennotierung. Verloren haben vor allem die bisherigen Aktionäre und ein Teil der Anleihegläubiger.
Warum ist die Fusion von Getty und Shutterstock geplatzt?
Die britische Wettbewerbsbehörde CMA hat die Fusion im Mai 2026 nur unter einer Bedingung freigegeben: Shutterstock hätte sein Geschäft mit Pressebildern verkaufen müssen. Getty hat sich dagegen entschieden und den Vertrag am 7. Juli 2026 gekündigt. Die Behörde nannte das eine kommerzielle Entscheidung von Getty.
Sind KI-Bilder eine sichere Alternative zu Stockfotos?
Für viele Zwecke ja, aber nicht automatisch. Die Nutzungsbedingungen unterscheiden sich je nach Tool, echte Personen, Marken und Logos bleiben heikel, und für manche Inhalte gelten Transparenzpflichten. Für Symbolbilder ohne erkennbare Personen ist das Risiko gering, bei Werbung mit Gesichtern oder fremden Produkten lohnt sich vorher ein Blick in die Bedingungen oder eine rechtliche Prüfung.
Das Titelbild wurde mit KI erstellt. Die Grafiken stammen von Attractive Media, die Zahlen aus dem Quartalsbericht von Getty Images.